Datensammlung Geschlechterforschung

Margherita-von-Brentano-Zentrum, Freie Universität Berlin

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Anmerkungen von Dr. Ulla Bock zur Interpretation der Datensammlung

In jüngster Zeit werden die Existenz und die Anzahl von Professuren mit Voll- oder Teildenomination für Frauen- und Geschlechterforschung in Printmedien, Fernsehen und im Netz vermehrt thematisiert. Dabei kommt es häufig zu gravierenden Fehlinterpretationen – so wird etwa die Anzahl dieser Professuren mit der Anzahl der Professuren in Einzelwissenschaften wie Slawistik, Paläontologie oder Wissenschaftstheorie etc. verglichen, um die Aussage zu untermauern, es seien ungebührlich viele und die Zahl würde stetig wachsen. Das ist falsch, denn:

1. Geschlechterforschung ist ein interdisziplinäres Wissenschaftsfeld und kann nicht mit einer traditionellen Einzeldisziplin verglichen werden. Die Professuren mit einer Aufgabenbestimmung (Denomination) für Geschlechterforschung verteilen sich auf über 30 Fachdisziplinen. Sie sind also in der Regel mit einer Fachdisziplin verbunden. Es gibt nur sehr wenige Professuren mit einer Volldenomination für Geschlechterforschung, die Mehrzahl hat eine Denomination für eine Einzelwissenschaft mit einer Teildenomination für Geschlechterforschung. Es handelt sich dabei streng genommen nicht um Professuren für Geschlechterforschung, sondern im Rahmen dieser Professur sollen Aspekte der Geschlechterforschung berücksichtigt werden.

2. Es handelt sich um Professuren in unterschiedlichen Besoldungsgruppen. Lehrstühle (d.h. Professuren, die über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen) sind in diesem Feld eher selten. Oft handelt es sich bei den Professuren mit Voll- oder Teildenominationen für Geschlechterforschung um solche der unteren Besoldungsgruppen (Juniorprofessuren, W2-Professuren) und etwa ein Drittel ist befristet.

3. In Deutschland pendelt der prozentuale Anteil der Professuren mit Voll- oder Teildenomination für Geschlechterforschung im Vergleich zur Gesamtzahl der Professuren an den Hochschulen zwischen 0,4 und 0,5 Prozent und hat sich seit dem Jahr 2000 nicht verändert.

4. Ein wesentlicher Aspekt für die Aufnahme einer Professur in die Datensammlung ist die in der Denomination zum Ausdruck gebrachte Entscheidung der Hochschule, für den Bereich Geschlechterforschung/Gender Studies eine hoch dotierte Stelle zu schaffen. Dass eine solche institutionelle Entscheidung getroffen wurde, wird dann angenommen, wenn der Genderaspekt in der Denomination genannt wird. Damit ist eine unüberschaubare Anzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die den Genderaspekt in ihr wissenschaftliches Profil integriert haben, ohne von der Institution Hochschule einen entsprechenden Auftrag im Zusammenhang mit ihrer Professur bekommen zu haben, ausgenommen. Ihre Anzahl übersteigt bei Weitem die Zahl der explizit so genannten „Professuren mit einer Voll- oder Teildenomination für Frauen- und Geschlechterforschung“. Ihrem Handeln liegt die persönliche Entscheidung zugrunde, sich primär oder mit einem Schwerpunkt im Feld der Geschlechterforschung zu engagieren.

Siehe dazu auch: Bock, Ulla/Nüthen, Inga (2014): Genderprofessuren eine Erfolgsgeschichte? Ein Blick hinter die Kulissen, in: Femina Politica, Jg. 23, H. 2, S. 154–158.